So läuft das Auswahlverfahren für den Posten des neuen Chefs der Nationalpolizei ab – Systemfremde haben kaum eine Chance

Stroyan AvakNach dem Rücktritt von Khatia Dekanoidze als Leiterin der Nationalpolizei (NP) Mitte November letzten Jahres wurde ihre Position als „kommissarische“ Leiterin vom Ersten Stellvertretenden Leiter der NP, Vadim Troyan, übernommen, berichtet die Veröffentlichung. FOKUS.

Da Trojan in den Einflussbereich von Innenminister Arsen Awakow fällt, galt er als Dekanoidses Nachfolger. Zumal es im Gegensatz zu vielen anderen Regierungsbehörden keinen Wettbewerb für die Ernennung des Polizeichefs gibt.
Dennoch wurde auf Awakows Initiative hin eine Kommission zur Auswahl der Kandidaten für die vakante Position eingerichtet – mit rein beratender Funktion, die gesetzlich nicht geregelt ist. Ihr gehörten drei ukrainische Staatsbürger an: der Journalist Witali Portnikow, der Direktor der Charkiwer Menschenrechtsgruppe Jewhen Sacharow, der Direktor der Programminitiative der International Renaissance Foundation Roman Romanow und drei Ausländer: der dänische Menschenrechtsaktivist, ehemalige Staatsanwalt und ehemalige Polizist Mikael Lyngby, der kanadische Regierungsberater und ehemalige Polizist Joseph McAllister sowie ein weiterer Berater und ehemaliger US-Polizist, John Montanio.

Focus-Journalisten haben den Auswahlprozess für den neuen Chef der Nationalpolizei untersucht. Wie erwartet kristallisierten sich die amtierenden Polizisten als Favoriten heraus. Wer nicht zum System gehört, scheint keine Chance zu haben.

Vier mal sechs

Ursprünglich hatten sich 70 Personen um den Posten des neuen Chefs der Nationalpolizei beworben. Sechs von ihnen reichten jedoch nicht die erforderlichen Motivationsschreiben ein, und mehr als zwei Dutzend erfüllten die Qualifikationsanforderungen nicht: ein abgeschlossenes Jurastudium, sieben Jahre Berufserfahrung im Rechtswesen und fünf Jahre Erfahrung in der oberen Führungsebene.

Letztlich wurden 46 Kandidaten zum General Skills Test zugelassen. Der computergestützte Test besteht aus mehreren Abschnitten und ähnelt denen für die Einstellung von Streifenpolizisten und die Rezertifizierung von Mitarbeitern des Innenministeriums. In 90 Minuten mussten die Kandidaten 60 Fragen beantworten, die ihre analytischen, logischen und abstrakten Denkfähigkeiten testeten. Vierzehn Kandidaten beantworteten weniger als die Hälfte der Fragen, während vier mehr als 50 Punkte erreichten.

Alle Kandidaten aus dem Kreis der derzeitigen Mitarbeiter der Nationalpolizei haben viele Jahre in verschiedenen Positionen in den Behörden gearbeitet und sind daher an die alten, noch immer polizeilichen Arbeitsmethoden gewöhnt.
Bemerkenswert ist, dass zwei Spitzenkandidaten, Wadym Trojan und der Kiewer Polizeichef Andrij Kryschtschenko, dem Auswahlverfahren fernblieben. Beide erklärten später ihren freiwilligen Rückzug aus dem Wettbewerb. Kryschtschenko begründete seine Entscheidung mit den jüngsten „tragischen Ereignissen in der Region Kiew“ und bezog sich dabei auf die Schießerei im Dorf Knjaschitschi nahe Kiew. Trojan erklärte, ihm fehle eine 20-monatige juristische Erfahrung, um „alle Wettbewerbskriterien bedingungslos zu erfüllen“.

Wie eine Quelle aus dem Umfeld des Innenministeriums gegenüber Focus erklärte, wollte Trojan zunächst die Polizei leiten und war sogar Awakows Favorit. „Doch dann wurde uns klar, dass wir während unserer 20-monatigen Dienstzeit in den Medien von allen Seiten scharf angegriffen werden würden, und wir beschlossen, uns keiner weiteren Kritik auszusetzen“, so die Quelle. Zudem brach der jüngste Skandal um die Ernennung von Anastasia Dejewa zur stellvertretenden Innenministerin aus, deren berufliche Laufbahn zahlreiche öffentliche Fragen aufwarf. Daher wird Trojan nach der Ernennung des neuen Polizeichefs höchstwahrscheinlich eine wichtige, aber nicht besonders öffentliche Position im Innenministerium übernehmen.

Nach Prüfung der Lebensläufe und Testergebnisse wählte die Kommission einstimmig zehn Kandidaten aus. Vier von ihnen arbeiten bereits für die Nationalpolizei: der Polizeichef der Oblast Donezk, Wjatscheslaw Abroskin, der Polizeichef der Oblast Odessa, Dmytro Golowin, der Leiter der Kriminalpolizei der NP, Serhij Knjasew, und deren stellvertretender Leiter, Kostjantyn Buschujew. Die anderen waren der Kiewer Stadtrat Leonid Antonenko aus Samopomitsch, der Kiewer Staatsanwalt Wadym Girenko, der Rechtsanwalt Oleksij Schewtschuk (der seine Kandidatur später zurückzog), Oleksandr Berladin, ein Mitarbeiter des Marktes „7. Kilometer“ in Odessa, Stanislaw Ljudkewitsch, Direktor der Investmentgruppe INEKO, und Andrij Wischnewski, Leiter des Koordinierungszentrums für Rechtshilfe im Justizministerium.

Nach dem 30. Januar begannen alle dreistündigen standardisierten Interviews mit Kommissionsmitgliedern, die ihre biografischen Daten und ihre Vision für die Zukunft der Nationalpolizei darlegten. Die Interviews werden anhand eines Punktesystems bewertet, und die Kandidaten erhalten von jedem Kommissionsmitglied eine Bewertung. Auf Grundlage aller gesammelten Informationen wird die Kommission Awakow drei Kandidaten zur Bestätigung vorlegen. Da ihre Empfehlungen jedoch nicht bindend sind, könnte der Minister auch jemanden „von außen“ ernennen. In diesem Fall wäre der Zweck des Auswahlverfahrens jedoch unklar.

Offenbar aus Angst vor einer Wiederholung der Skandale um die Besetzung der Führungspositionen anderer Behörden (zum Beispiel der Nationalen Agentur für Korruptionsprävention) einigten sich die Kommissionsmitglieder zunächst darauf, die Chancen einzelner Kandidaten nicht zu kommentieren oder gar ihre Testergebnisse bekannt zu geben. Sie alle beteuern jedoch einstimmig, keinen Druck von der Führungsspitze des Innenministeriums zu spüren. „Dies ist der offenste und transparenteste Wettbewerb, den ich je erlebt habe, und ich habe in sechs Ländern gearbeitet“, sagt Joseph McAllister.
Quellen aus dem Innenministerium von Focus zufolge wurden nach dem Rückzug von Wadym Trojan die amtierenden Nationalpolizisten Abroskin, Golowin, Knjasew und Buschujew zu Arsen Awakows Favoriten. Es ist wahrscheinlich, dass einer von ihnen in wenigen Wochen oberster Polizeibeamter der Ukraine wird. Es sei denn natürlich, es gibt Überraschungen wie den Trojan-Vorfall.

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Prüfung. Nur vier von 46 Kandidaten erreichten mehr als 50 von 60 möglichen Punkten.

Sag dem Minister „Nein !“

Die Durchführung eines offenen Auswahlverfahrens für den Posten des Chefs der Nationalpolizei wird durchaus positiv bewertet. „Im Idealfall wäre es natürlich ideal gewesen, wenn die Auswahlkommission einen einzigen Kandidaten vorgeschlagen hätte, der dann offiziell ernannt worden wäre“, sagte Mykola Palamartschuk, erster stellvertretender Vorsitzender des parlamentarischen Ausschusses für legislative Unterstützung der Strafverfolgung, gegenüber Focus. „Aber es ist auch gut, dass der Chef des Innenministeriums der Durchführung des Auswahlverfahrens zugestimmt hat, anstatt selbst einen Kandidaten vorzuschlagen, obwohl er das Recht dazu hatte.“

Eine der wichtigsten Fragen ist nun, ob der neue Chef der Nationalpolizei unabhängig handeln wird, wie es bei Chatja Dekanoidse der Fall war. Laut Oleksandr Banchuk, einem Experten für Strafverfolgungsreformen, hängt dies davon ab, wen Arsen Avakov auswählt – einen aktiven Polizeibeamten oder jemanden „außerhalb des Systems“. „Menschen in Uniform werden immer zu ihren Vorgesetzten aufschauen, zu der Person, die sie ernannt oder ihre Ernennung vorgeschlagen hat (der Chef der Nationalpolizei wird vom Kabinett auf Empfehlung des Innenministers ernannt – Focus). Ein Außenstehender hingegen könnte unabhängiger sein und dem Minister ‚Nein!‘ sagen“, glaubt Banchuk.

Es ist jedoch wichtig, dass der Posten des Chefs der Nationalpolizei nicht übermäßig politisiert wird. Das warfen Awakows Verbündete Dekanoidse und dem gesamten georgischen Team vor, insbesondere in informellen Gesprächen. „Wir dürfen nicht zulassen, dass es so kommt wie mit der Staatsanwaltschaft, wo für Jurij Luzenko der Posten des Chefs der Generalstaatsanwaltschaft in erster Linie ein politisches Sprungbrett ist und er seine Position dort künftig für politische Kämpfe nutzen wird“, ist Oleksandr Banchuk überzeugt.

Um das Polizeisystem erfolgreich zu reformieren, muss der neue Chef viele veraltete Mechanismen aufbrechen.
Gleichzeitig birgt die Ernennung eines Berufspolizisten weitere Risiken: Alle derzeitigen Kandidaten für die Nationalpolizei haben viele Jahre in verschiedenen Positionen innerhalb der Behörde gearbeitet und sind daher an die alten Arbeitsmethoden aus der Polizeizeit gewöhnt. Um das Polizeisystem erfolgreich zu reformieren, muss der neue Chef zudem mit zahlreichen veralteten Mechanismen brechen.

Dies wird von der Gesellschaft gefordert, für die die Einführung einer neuen Streifenpolizei die einzige sichtbare Umgestaltung des Innenministeriums bleibt. So ist beispielsweise der weithin publizierte Plan, altes, korruptes Personal durch Rezertifizierung zu entfernen, nach allgemeiner Meinung von Menschenrechtsverteidigern und Aktivisten de facto gescheitert. „Eine der wichtigsten Aufgaben ist die Reform der Kriminalpolizei, da sich dort seit der Sowjetzeit praktisch nichts geändert hat“, glaubt Banchuk. Einer der Favoriten für den Posten der Nationalpolizei ist Serhij Knjasew, der auch die Kriminalpolizei leitet.

Eine neue Phase der Polizeireform muss rasch eingeleitet werden. Laut dem Bericht der Generalstaatsanwaltschaft für 2016 ist die Kriminalitätsrate in der Ukraine gestiegen. Allein die Zahl schwerer Straftaten hat im Vergleich zu 2015 um 20 Prozent zugenommen. Nach zahlreichen Skandalen ändert sich auch die öffentliche Einstellung gegenüber der Polizei. Laut Umfragen der Rating-Gruppe hielten Anfang 2016 42 Prozent der Ukrainer die Reform des Innenministeriums für einen Erfolg, Ende des Jahres waren es nur noch 28 Prozent. Der neue Chef der Nationalpolizei wird sich mit diesen Problemen auseinandersetzen müssen.

Laut Jewgeni Sacharow, Sekretär des Wettbewerbskomitees, ist einer der Hauptgründe für diesen Zustand der Mangel an Finanzmitteln. „Es entstand die paradoxe Situation, dass ein einfacher Streifenpolizist mehr verdienen konnte als ein Abteilungsleiter. Natürlich schien unter solchen Bedingungen keine Reform möglich. Darüber hinaus waren einige Abteilungen vor Oktober, als die Gehälter der ‚alten‘ Polizeibeamten an die ‚neuen‘ angeglichen wurden, um 30 bis 40 Prozent unterbesetzt. Ich hoffe, dass sich die Situation jetzt ändert“, sagte er gegenüber Focus.

Bis zum 7. Februar soll das Auswahlkomitee Avakov drei Kandidaten vorschlagen, und bis Mitte des Monats soll der Chef des Innenministeriums einen davon dem Ministerkabinett zur Genehmigung vorlegen.

Zum Thema: Dolce vita von ARSEN AVAKOVA: ITALIENISCHES BUSINESS UND OFFSHORE (Dokumente)

Tsikavy-Fakten über die neuen V.O.-Chefs der Nationalpolizei: Wer ist Vadim Troyan?

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